Stillstand – Eine Zunft am Abgrund

Jacobi Kirmes: Kein Vergnügen – Schausteller bangen um ihren Berufsstand

ASCHEBERG. Es ist still im Dorf. Kein hektisches Treiben, keine Schausteller, die ihre Geschäfte aufbauen, und logischerweise keine Karussells, die sich am Wochenende drehen. Da würde die Jacobi-Kirmes beginnen. Eigentlich. Doch in diesem Jahr fehlen die vielen Zutaten, die Ascheberg drei Tage lang Kopf stehen lassen. Kein bunter traditioneller (Freichip-) Regen. Keine munteren Sprüche, mit denen die Menschen animiert werden sich in andere Welten wirbeln zu lassen. Und auch keine Klübchen die zu den traditionellen Kirmeszehnkämpfen aufbrechen.

2020 wird als das Jahr in die Ascheberger Geschichte eingehen, in dem der erklärte Höhepunkt im Veranstaltungskalender nur durch eine leere Stelle besticht. Denn die Jacobi-Kirmes ist, wie viele Veranstaltungen auch, der Corona Krise zum Opfer gefallen.

Den eingefleischten Kirmesfans tut das weh. Ganz ohne Zweifel. Doch die Schausteller treibt diese Situation in der Tat an existentielle Abgründe.

Wohin geht die Reise?

Einnahmen generieren – Fehlanzeige. Und das seit Monaten.  „Wir haben ja ein Berufsausübungsverbot von Vater Staat ereilt bekommen“, bringt es Schausteller Robert Heitmann auf den Punkt. Mit Wehmut denkt er an das bevorstehende Wochenende. „Da würde ich jetzt eigentlich in Ascheberg stehen, wie immer am letzten Wochenende im Juli“. Und das tut Robert Heitmann schon fast sein ganzes Leben lang. Denn die Jacobi-Kirmes ist fester Bestandteil seiner jährlichen Arbeitsroute. Nur in diesem Jahr nicht.

Wohin die Reise für seine Zunft gehen soll? „Ich weiß es nicht“, sagt er seufzend. Die Situation und vor allem die Zahlen sprechen da eine eigene Sprache. „Wenn die Weihnachtsmärkte nun auch nicht stattfinden dürfen, dann sehe ich schwarz“, so Heitmann und macht deutlich: „Das würde das Aus für 60 bis 70 Prozent der Kollegen bedeuten.“ Er selbst würde es vielleicht noch bis zum Frühjahr nächsten Jahres schaffen.

Dieses Bild hätte er sich an diesem Wochenende gewünscht. Doch heute ist Schausteller Robert Heitmann das Lachen vergangen. Foto: Tina Nitsche

Für ihn, der ein Mann der Traditionen ist, ist das besonders schlimm. „In diesem Jahr hätten wir eigentlich Grund zum Feiern“, sagt er leise. Denn 1820 wurde seine Familie in Herford sesshaft. Seinerzeit mit einer Bodenmühle. Die Schaustellerei ist sein Leben. „Und das Leben meiner Familie“, sagt er. Seinen Kindern hat er freigestellt, was sie nach ihrem Schulabschluss machen wollen. Seine beiden Großen haben sich nach Schule und Ausbildung für die Schaustellerei entschieden. Sie führen damit das Erbe ihrer Vorfahren fort. „Irgendwie liegt uns das schließlich im Blut.“

Für Robert Heitmann ist sein Beruf nicht einfach eine Tätigkeit, sondern Berufung. Doch er hat Angst. Angst, was aus seinem Berufsstand werden soll. Trotzdem sieht er nicht einfach hilflos zu. Nein, er versucht Wege zu finden. „Ich habe auf meinem Grundstück an den Wochenenden einen kleinen Markt aufgebaut. Hier setzen wir das geforderte Hygienekonzept um, und ich hoffe, dass wir damit zeigen können, dass auf diese Weise zumindest kleine Veranstaltungen wieder möglich werden können.“

Kampf um eine alte Tradition

Er kämpft um eine Jahrhunderte alte Tradition. So wie viele seiner Kollegen auch. „Deshalb gehen wir auch auf die Straßen, fahren kreuz und quer durch Deutschland, um bei großen Demonstrationen auf unsere Situation aufmerksam zu machen.“ Eine Situation, die an die Substanz geht. Und eine, die selbst Robert Heitmann erst vor ein paar Tagen die Tränen in die Augen getrieben hat. Da war er in Ascheberg, um für die Kolpingsfamilie Mandeln und Popcorn zu liefern.  „Anschließend habe ich in meinem Auto gesessen und geweint“, gibt er zu. Es waren Tränen der Rührung, weil die Ascheberger ihm durch ihre Kirmesaktion ein wenig Umsatz bescheren, es waren aber auch Tränen voller Wehmut, weil er an diesem Wochenende nicht auf dem Ascheberger Kirchplatz stehen und dort das tun darf, was er am besten kann: Den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und ihnen ein paar Tage voller (Kirmes-) Freude zu schenken.

Von 100 auf Null

Anke und Frank Derleh ist das Lachen mittlerweile vergangen. Statt ihren Pizzawagen und das Ballwerfen anlässlich der Jacobi-Kirmes zu betreiben, sitzen sie zu Hause. Sind quasi von 100 auf Null katapultiert worden. „Einfach nur traurig“, sagt Anke Derleh und ihr Mann ergänzt: „Finanziell haben wir keine Möglichkeiten mehr.“ Natürlich haben sie die Soforthilfe beantragt. „Aber was sind schon die 9000 Euro, wenn alle Kosten weiterlaufen und das Monat für Monat.“

Auch für Schaustellerfamilie Derleh sind harte Zeiten angebrochen. Einziger Lichtblick: Sohn Phillipp (l.) hat Arbeit bei der Firma Alutraum in Ascheberg gefunden. Foto: Tin Nitsche
Arbeit in Ascheberg

Die Sorgen sind belastend. Froh sind die Beiden, dass zumindest ihr Sohn Philipp momentan Arbeit hat. Nicht als Schausteller. „Nein, er arbeitet in Ascheberg bei Dirk Tönies in dessen Firma Alutraum“, sagt Anke. Sie und ihr Mann hingegen sind zum Nichtstun verdonnert. Und das gefällt ihnen nicht. „Das sind wir nicht gewohnt, unser Leben ist die Reise auch wenn die sicherlich nicht immer ganz einfach ist. Aber mit der Arbeit sind wir groß geworden, so wie mit all den Höhen und Tiefen, die unser Berufsstand mit sich bringt. Aber es ist unser Beruf und den üben wir mit Herzblut aus.“ Umso trauriger sind sie, dass sie auch an diesem Wochenende zu Hause sitzen müssen. „Da wären wir eigentlich in Ascheberg. Unserem Ascheberg“, sagen sie. Viele viele Jahre kommen sie schon nach Ascheberg, um dort die größte Dorfkirmes im Münsterland zu halten. Die Derlehs verbringen sogar immer drei Wochen dort. „Und das ist etwas Besonderes für uns. Dort treffen viele Kollegen zusammen in unserem kleinen Dorf im Dorf, wie wir den schönen Wohnwagenplatz nennen.“

Quälende Sehnsucht

Vor allem Anke quält die Sehnsucht. Ascheberg ist für sie irgendwie ein Stückchen Heimat. „So gehe ich mit Natalie Strothenke dort immer zu Ullas Team zum Friseur.“ Und diesen Friseurbesuch haben sich die Beiden in der vergangenen Woche gegönnt. „Dann sind wir noch durch den Ort geschlendert, haben auch bekannte Gesichter getroffen und hatten somit wenigstens ein bisschen Ascheberg-Feeling“, erzählt Anke.  Das Schaustellerehepaar blickt einer unsicheren Zukunft entgegen, obwohl auch sie die Hände keineswegs in den Schoß legen. „Auch wir fahren zu den Demonstrationen“, so Frank Derleh, „aber leider wurden wir bis jetzt nicht richtig gehört, es ist zermürbend“, ergänzt seine Frau traurig.

Seit 20 Jahren kommt Kerstin Melcher nun mit ihrem Cocktail-Stand zur Jacobi-Kirmes nach Ascheberg. In diesem Jahr ist jedoch auch sie zum Stillstand verdonnert. Foto: Tina Nitsche

Schaustellerin Kerstin Melcher wird es ebenfalls schwer ums Herz, wenn sie an die Jacobi-Kirmes denkt. „Da wäre ich jetzt normalerweise mit meinem Cocktailstand. Ach, ich vermisse meine Klübchen und meine Ascheberger“, sagt sie. Finanziell geht es ihr nicht besser als vielen Kollegen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie alleinerziehend ist. Aber sie ist auch eine Frau, die nicht einfach aufgibt. Natürlich hat auch sie derzeit keine Einnahmen. „Finanziell ist es ein Desaster“.

Zusammenrücken in der Krise

Aber ihren gesunden Optimismus will sie sich nicht nehmen lassen und findet schnell auch positive Aspekte: „Wir sind alle enger zusammengerückt, bauen uns gegenseitig, auf. Jeder hilft jedem“, beschreibt sie die alltägliche Situation mit Familie und Freunden. Ihre Kosten laufen jedoch wie bei allen anderen weiter. „Ich habe mein Erspartes angreifen müssen, um mich und meinen Sohn über die Runden zu bringen. Aber das ist nun aufgebraucht und da muss auch ich mir jetzt Gedanken machen….“ Den Arbeitslosengeld 2-Antrag hat sie gestellt. Die Sorgen nimmt ihr das jedoch nicht. „Denn die privaten und betrieblichen Fixkosten laufen weiter, da ist das vergleichsweise ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Ein trauriges Bild, das da gezeichnet wird. Und das von Menschen, die normalerweise Freizeit zum Vergnügen machen. Nur in diesem Jahr nicht. Da dreht sich kein Karussell und in Ascheberg bleibt es still, am letzten Wochenende im Juli, das traditionell eigentlich der Jacobi-Kirmes vorbehalten ist. Tina Nitsche

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